Freitag, 15. Januar 2010

Solidaritaet

Regelmaessig sind hier an Abenden Schuesse zu hoeren. An Wochenenden handelt es sich dabei meistens um „feierliche Schuesse“, die bei Hochzeiten abgefeuert werden. Da kommt/kam es schon mal vor, dass man eine Kugel im Gelaende findet. Aufgrund dieser bleihaltigen Luft, haben wir einen sogenannten „Safe-Room“. Dieser ist gar nicht so sicher, wie er sich anhoert, allerdings hat er ein verstaerktes Dach, wodurch moegliche vom himmel fallende kleine Geschosse abgefangen werden koennen. Wenn es uns also zu bleihaltig wird, suchen wir diesen Raum auf. Da ich selbst noch keine Kugeln gefunden und auch nichts von Querschlaegern gehoert habe, konnte ich die Sinnhaftigkeit und das gelegentliche besorgte Aufsuchen dieses Raums nicht ganz nachvollziehen.

Mittlerweile denke ich anders darueber. Eine normale Alltagszene hier in El Geneina. Ein Vater haelt sich am Abend im Haus auf, waehrend seine Kinder auf der Veranda spielen und fernsehen. Ploetzlich kommt das Kind weinend ins Haus gelaufen, waehrend es sich die Hand an die blutige Stirn haelt. Es sieht nicht sehr schlimm aus, und es wird vermutet, dass vielleicht ein Stein geworfen wurde und die Wunde verursacht hat. Als sie am naechsten Tag den Doktor aufsuchen und die Roentgenbilder betrachten, sind sie entsetzt. Es laesst sich ganz klar erkennen, dass sich eine Gewehrkugel im Kopf des Sohnes befindet. Eine aeusserst heikle Angelegenheit. Ein solch spezifischer Fall kann hier in El Geneina nicht behandelt werden. Also wurde moeglichst schnell ein Flug-Ticket gebucht und ein Spezialist in Khartoum aufgesucht. Da es keine Krankenversicherung gibt, kann ein solcher Fall schnell den finanziellen Ruin fuer eine Familie bedeuten. Schon bald war klar, dass dieser Eingriff das zehnfache seines Monatsgehalt kosten wuerde.

Auf dem Roentgenbild laesst ganz klar eine Gewehrkugel erkennen.

Und an dieser Stelle beeindruckt mich, wie stark die Solidaritaet untereinander ist. Die Arbeitskollegen hier haben Besprechungen einberufen, um zu diskutieren, wie sie dem Kollegen helfen koennen. Letztendlich haben sie Geld zusammengelegt, grosszuegig zusammengelegt (einzelne haben bis zu einem Drittel ihres Gehalts beigetragen) und somit die Operation ermoeglicht. Waehrend der OP ist letztendlich entschieden worden, die Kugel nicht zu entfernen sondern abzuwarten.

In einer Gesellschaft, in der die Sozialsysteme weniger gut entwickelt sind, gibt es andere Wege, um Betroffenen bei individuellen Schicksalsschlaegen zu helfen. Es ist erstaunlich, wie stark der Zusammenhalt unter den Kollegen ist. Fast regelmaessig wird im Buero Geld gesammelt, um Kollegen zu helfen.

Eine meiner Lieblingszenen die sich vermutlich taeglich und ueberall auf dem Kontinent Afrika abspielt. Kinder die mit einem ausgedienten Reifen spielen und ihn vor sich herrollend die Strasse hoch und runterrennen. Es geht auch ohne X-Box und Nintendo.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Familie versus Indiviualitaet

Das auf diesen Breitengraden die Familie weit ueber dem Individuum steht, stellt man immer wieder fest. Bei der Begruessung erkundigt man sich nicht nur nach dem Wohlergehen des Gegenuebers, sondern fragt auch nach dessen Familie. An Feiertagen und langen Wochenenden werden nicht individuelle Trips unternommen, sondern es werden Familienmitglieder besucht, die etwas weiter entfernt wohnen. Single-Haushalten bin ich hier noch nicht begegnet. Das ist hier noch nicht eingefuehrt worden. Und falls das mal jemand einfuehren wollte, wuerde er wahrscheinlich als verrueckt erklaert werden. Es ist eher die Regel, das Eltern, Kinder, Grosseltern und noch paar Onkel ein Haushalt teilen. Sudanesen haben vier Namen, in dem auch der Name des Vaters enthalten ist. Somit kann der Namenstraeger besser eingeordnet werden. Familie und Herkunft sind wichtig!


Um eine neue Familie gruenden zu koennen, muss erst mal der Partner gefunden werden. Ein Top Thema auch im Buero, ueber das immer wieder gescherzt und gefluestert wird. Aber offensichtlich muss man hier erst mal ueber ausreichend liquide Mittel verfuegen, um das Ganze in die Wege leiten zu koennen. Nicht nur der Brautpreis muss finanziert werden, sondern auch die dazugehoerende ueppige Feier, bei der kein Familienmitglied vergessen werden darf. Deswegen sind die ledigen Kollegen schwer am sparen. Eines Tages fragte mich ein Kollege ganz verwirrt, warum wir internationalen Medair Mitarbeiter nicht alle verheiratet sind, wo wir doch gute Positionen besetzen und ueber ausreichende Geldmittel verfuegen. Ich verriet ihm dann, dass Geld vermutlich (/vermeintlich?) nicht so eine grosse Voraussetzung fuer eine Heirat ist, wie bei Ihnen.


Er verriet mir dann, dass er mit seiner Cousine verlobt ist. Ich sagte ihm, dass so etwas bei „uns“ nicht ueblich ist. Er fragte warum? Ich wiess ihn auf die biologischen Risiken hin. Daraufhin sagte er mir, dass er keine andere Wahl hat, es sei denn er wuerde rebellieren. Wuerde er sich naemlich dazu entscheiden, ausserhalb der Familie zu heiraten, wuerde er eine viel geringere finanzielle Unterstuetzung erhalten. Und so kommt es dazu, dass Familien – zwar nicht immer freiwillig – eng miteinander verbunden sind und unter ihresgleichen bleiben. Nicht immer, aber meistens.


Eine Sache bei „uns“ hatte ihn aber arg verwundert. Unter den 10 internationalen Mitarbeitern gibt es ein Ehepaar, welches den gleichen Nachnamen traegt. Dies gab ihm den Anschein, dass die beiden Geschwister sind und miteinander geheiratet haben. Daraufhin erklaerte ich ihm die Systematik unserer Nachnamen, und das war gut so! Familien(zwang), Verwandschaft, Geld, Nachnamen. In dem kurzen amuesanten Gespraech konnten wir viel voneinander lernen.



25.12.2009 Trotz der Andersartigkeit hatten wir einmalige Weihnachten!


Die sicherheitsbedingten Baumassnahmen im Haus sind beendet. Aus diesem Anlass wurde ein Schaf geschlachtet.

Unser Waechter haben diese Aufgabe mit Leidenschaft uebernommen.


Ein paar Mitarbeiter und einige Handwerker wurden eingeladen und ...

... haben beim verputzen des Schafs kraeftig zugelangt!

Samstag, 10. Oktober 2009

Afrikanische Schule

Ich habe festgestellt, dass meine Schreibfreude nachgelassen hat. Das ist ganz klar ein Zeichen dafuer, dass nach einem halben Jahr in Darfur fuer mich der Alltag eingkehrt ist. All die Dinge, die vor kurzen noch so neu, exotisch und eine Erzaehlung wert waren sind normal. Das taegliche Chaos, die vielen Herausforderungen, das bunte Stadtbild, die staendige Praesenz von Waffen, das Leben hinter hohen Mauer – das ist mittlerweile auch fuer mich normal. Zugegeben bin ich manchmal sehr gefrustet, wenn Lieferanten unzuverlaessig sind, ordentlich Loesungen nicht verfuegbar sind und wieder ein Tag dem Ende zugeht, an dem man nur einen Bruchteil von dem erreicht hat, was man sich am friedlichen morgen optimistisch vorgestellt hat. Aber dann bin auch wieder total begeistert, wenn man sieht, dass es doch voran geht, hier und da Verbesserungen erreicht werden und sich trotz der vielen Arbeit mit den Kollegen eine Teepause und eine Runde small talk goennt.

Das Abendessen in grosser Runde mit den internationalen Kollegen ist nach jedem Arbeitstag etwas besonders entspannendes. Es werden Ereignisse vom Tag noch mal aufgetischt, oder Diskussionen ueber alles mogliche und unmoegliche gefuehrt. Von serioes bis banal. Und da die Kollegen von vier verschiedenen Kontinenten kommen, sind natuerlich weit gefaecherte Erfahrungen und Meinungen vorhanden, die die Diskussionen lebendig werden lassen. Ich weiss nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind, aber auf einmal unterhielten wie uns ueber das Alter, in dem Kinder in Afrika die Schule gehen, oder besser gesagt, in laendlichen Teilen Afrikas. Weil wir zwei Afrikaner in unserem internationalen Team haben, konnten persoenliche Geschichten eingebracht werden. Waehrend es bei uns eine recht einheitliche Handhabung gibt, ueblicherweise mit 6 Jahren, ist es in Afrika sehr stark von der koerperlichen Entwicklung und dem geographischen Erinnerungsvermoegen des Kindes abhaengig. Meistens muss der Schueler einweg ca. 8 KM laufen, um sein Klassenzimmer zu erreichen und verstaendlicherweise ist nicht jeder Sechsjaehrige dazu in der Lage. Ich finde das ganz schoen tapfer, aber gleichzeitig auch sehr amuesant. Jedenfalls war das einer von vielen unterhaltsamen Abenden.



Ein Junge in El Geneina auf dem Weg zur Schule. Vielleicht wird das der naechste Obama!?


Meine Kollegin und ich haben eine Excel-Schulung fuer die Kollegen durchgefuehrt


Abschiedparty fuer einen der internationalen Kollegen auf unserer charmanten Veranda


Home, sweet home. Manche bezeichnen es als eine Festung, ich nenne es lieber "unser Schloss".

Kurioses

Morgenstimmung in El Geneina (West-Darfur). Die Regensaison ist vorbei und der Strassenalltag somit sehr staubig

Alter

Es ist nicht die erste Frage die man beim kennenlernen neuer Leute stellt, irgendwann kommt sie aber doch auf, die Frage nach dem Alter. Als ich in meiner ersten Woche in Khartum mit einem der Fahrer unterwegs war, und mich mit ihm ueber Dies und Das unterhielt, packte ich schliesslich irgendwann mal diese Standardfrage aus. Er sagte, er sei 31. Da ich auch 31 bin, wollte ich wissen, in welchem Monat er geboren ist, was er mir allerdings nicht sagen konnte, da er es nicht wisse. Er wisse lediglich das Jahr, und das es ein Freitag war, weil das schliesslich auch sein Vorname ist (Juma). Spaeter, beim Blick in eine interne Mitarbeiterliste ist mir aufgefallen, dass viele Kollegen am 1. Januar des jeweiligen Jahres geboren sind. Was fuer ein “Zufall”!

Da fuehlte ich mich doch gleich an den afrikanischen Fussballers Anthony Yeboah erinnert, bei dessen Transfer von einem Bundesliga-Verein zu einem anderen grosse Uneinigkeit ueber eine passende Abloesesumme entstand, da keiner wusste wie alt er wirklich ist.


Scharia

Der Nord-Sudan ist ein islamisches Land in dem die Scharia – Gesetze aus dem Koran – die Grundlage der Gesetzgebung ist. Die klassischen oberflaechlichen Einzelheiten die man als Westler darueber weiss, ist z.B., dass es kein Alkohol gibt und dass der Konsum strafbar ist. Um so ueberraschter war ich, als ich eines Nachmittags beim verlassen des Bueros feststellen musste, das einer der Waechter eine auesserst aufdringliche Alkohol-Fahne hatte und offensichtlich betrunken war. Dies erforderte eine Reaktion meinerseits. Nach Ruecksprache mit der Personalabteilung wurden mir die auesserst komplizierten Prozesse, die ein solcher Fall mit sich bringt, kurz erklaert. Letztendlich mussten wir mit ihm erst zur Polizei, dann ins Krankenhaus und schliesslich wieder zur Polizei, wo er die Nacht verbringen musste. Somit war diese traurige Angelegenheit fuer uns erledigt. Meine Kollegen machten mich darauf aufmerksam dass fuer ihn die Prozeduren allerdings noch nicht vorbei waren. Entsprechend der Sharia erhielt er am naechsten Tag 30 Peitschenhiebe fuer sein Vergehen.


Haeusliche Pflichten

Dass andere Laender andere Sitten und ein anderes Rollenverstaendnis mit sich bringen ist altbekannt, aber die folgende Geschichte hat mich noch mal deutlich daran erinnert weit entfernt vom westlichen Kulturkreis zu sein. Eines Tages erschien ein Kollege im Buero der Personalabteilung mit der Bitte, seine Frau, die in einer der Kliniken ebenfalls fuer Medair arbeitet, zu feuern, weil sie ihren haushaltlichen Pflichten nicht nachkommt. Die Personalkollegin hat diese Anfrage verstaendlicherweise belaechelt und ihm hoefliche erlaert, dass dies sein privates Problem und kein Grund fuer eine Entlassung sei. Allerdings bestand er auf eine Reaktion seitens Medair, sodass ihm schliesslich ein Beamter des lokalen Arbeitsamts erklaeren musste, dass es seine Privatangelegenheit sei. Aber offensichtlch fand er seine Forderung als das Selbstverstaendlichste auf diesem Planeten.


Mittwoch, 2. September 2009

Das ist Afrika!

Wie in einem vorherigen Eintrag beschrieben, fuehle ich mich weniger als ein Manager sondern mehr als ein “Reagierer”. Der naechtliche bewaffnete Ueberfall Ende Juli erforderte eine Reaktion. Eine kritische Betrachtung unseres Gelaendes und der Gebaeude zeigte einige Schwachstellen auf. Also wurde viel Zeit und Geld in die erhoehte Sicherheit investiert. Eine grosse Aufgabe war es unter anderem, einen Teil der umgebenden Mauer abzutragen und anschliessend zu erhoehen. Bei einem Umfang von 140 Metern, 40 cm Dicke und 3 Meter Hoehe ist das keine Aufgabe von drei Stunden sondern von drei Wochen. Zwischenzeitlich waren knapp 30 Leute im Einsatz. Ich habe voruebergehend die Rolle eines Bauleiters eingenommen. Die Sicherheitsmassnahmen werden auch noch in den naechsten Monaten einen nicht unbedeutenden Teil meiner Zeit hier einnehmen. Ein Waechterturm, ein Audio Alarmstystem und eine Kamera-Ueberwachung muessen noch entworfen und installiert warden. Zur gleichen Zeit werden andere Aufgaben nach hinten geschoben, in der Hoffnung, dass nichts Wichtiges unerledigt bleibt.

Aufgrund der Baumassnahmen mussten wir unsere Unterkunft verlassen und sind im vergangenen Monat bei anderen NGO’s untergekommen. Erst Concern, dann Tearfund und schliesslich WFP. Dabei kamen diesmal wir uns vor wie Binnenfluechtlinge. Seit Ende letzter Woche sind wir wieder in unserem “Sweet Home” zu Hause. Allerdings nimmt unser “Sweet Home” mittlerweile mehr die Form einer Festung an.

Mein Einblick in das Land und den Kontinent ist lediglich nur ein sehr geringer. Deshalb lese ich regelmaessig Buecher um den Zusammenhang besser zur verstehen. An dieser Stelle moechte ich zwei Aussagen/Geschichten zitieren, die ich auesserst interessant finde.

“ES GIBT ZWEI GESCHICHTEN uber das Wesen des Kontinents. Afrikaner erzahlen sie sich gelegentlich gegenseitig. Manchmal werden sie etwas variiert und spielen an verschiedenen Orten. Die eine Geschichte geht so.

Es steht ein Skorpion am Ufer des Nils und wurde gerne auf die andere Seite des Flusses gelangen. Er uberlegt und uberlegt, was er tun kann, und kommt nicht recht voran. Er kann nicht schwimmen, und das Wasser ist tief.Was soll er bloss machen? Da erscheint zum Glueck ein Krokodil. Komm her, Krokodil!, ruft der kleine Skorpion, und bring mich auf die andere Seite des Flusses, ich habe da etwas zu erledigen. Doch daruber kann das Krokodil nur lachen: Dich uber den Nil bringen? Ich bin doch nicht lebensmuede, frag das nachste Nilpferd, das vorbeikommt.

Ach, zier dich nicht. Hier kommt so schnell kein Nilpferd vorbei, und ich hab’ es eilig. Und auserdem:Was soll denn schon passieren? Was passieren soll? Du stichst mich, und wir saufen beide ab. Ich kenne Typen wie dich. Sei nicht albern. Warum sollte ich dich denn stechen? fragt da der Skorpion. Ich waere doch verruckt: Wenn du untergehen wurdest, ginge ich doch mit dir unter. Naja, denkt da das Krokodil, wo er recht hat, hat er recht, und kommt naeher. Na gut, spring auf, ich bring dich ruber. Und schon schwimmen die beiden los. Das Krokodil und auf seinem schuppigen Ruecken der Skorpion. Die beiden haben es gerade bis zur Mitte des Flusses geschafft. Da sticht der Skorpion zu. Sein Gift breitet sich im Korper des Krokodils aus. Es zuckt und rochelt und hat weissen Schaum vor dem Mund.
Du Idiot, ruft jetzt das Krokodil in seinem Todeskampf, jetzt gehen wir hier beide vor die Hunde.Warum tust du das?
Tja, sagt da der Skorpion, das ist Afrika.”
Quelle: Thilo Thielke, Krieg im Lande des Mahdi – Darfur und der Zerfall des Sudan, S.129 Komplettes Buch als PDF

Der Satz ”das ist Afrika” faellt uebrigens auch regelmaessig im Film “Blood Diamonds”.

“Nirgendwo werden die Wunden so tief geschlagen wie in Afrika, nirgendwo verheilen sie so schnell. Die Afrikaner, sagt der Historiker Ali Mazrui, haben ein .”
Quelle: Bartholomaeus Grill, Ach Afrika – Berichte aus dem Inneren eines Kontinents, S.405

Mittwoch, 5. August 2009

Regensaison

Am liebsten wuerde ich es gar nicht viel darueber berichten, aber der Vollstaendigkeit halber will ich ein paar Zeilen darueber loswerden. In der Nacht auf den 19. Juli hatten wir zwei ungelade bewaffnete Gaeste die sich trotz Mauer, Stacheldraht und Guards Zugang zu unserem Gelaende verschafft haben. Ich hatte ungluecklicherweise die Tuer zu meinem Zimmer nicht verschlossen und durfte unter vorgehaltenem Maschinengewehr ein paar Wertsachen abdruecken. Dass der Kollege im Zimmer gegenueber seine Tuere verschlossen hatte fanden die Jungs nicht gut. Nachdem sie es mit druecken und treten nicht geschafft haben die Tuere zu oeffnen, feuerten sie drei Schuesse auf die Tuer. Auch das hat nicht geholfen und die beiden haben sich schliesslich verdrueckt. Leider hat der Kollege von dem Blechsplittern der Tuer und dem freigesetzten Zement einige Wunden davongetragen, die aber nicht schwerwiegend waren.

Eine dramatische Nacht mit einem – Gott sei Dank – glimpflichen Ausgang. Am naechsten Tag haben wir das Buero nicht geoffnet und ca. 200 Gaeste - vor allem Mitarbeiter aber auch Nachbarn, Behoerden und andere NGO’s - empfangen die ihr Mitleid ausgesprochen haben. Einen Tage spaeter sassen alle (8) Expatriots - einer Standarprozedur entsprechend - im Flieger nach Khartum. In vielen Gespraechen, Gebeten und Besprechungen wurde der Vorfall verarbeitet und Risiken sowie Massnahmen diskutiert. Erholung hatte in den Tagen auch einen bedeutenden Anteil. Nach und nach sind wir alle wieder nach West-Darfur geflogen worden wo wir wieder unserem Arbeitsalltag nachgehen.

Die beiden Links fuehren zu einem Zeitungsbericht und einer Presseerklaerung von Medair anlaesslich des Vorfalls:

Schweizer Zeitungsbericht

Medair Presseerklaerung


Wadis fuellen sich mit Wasser und entlang der Ufer spriesst das Gruen. El Geneina in der Regensaison.


In einem Blogeintrag vor zwei Monaten habe ich beschrieben wie leblos und oede die Landschaft aus dem Flugzeug betrachtet auf mich gewirkt hat. Jetzt wo wir uns seit einem Monat in der Regensaison befinden, sieht alles ganz anders aus. Jemand der jetzt zum ersten Mal hierher kaeme wuerde es zwar immer noch als Wueste bezeichnen, aber im Gegensatz zur Trockensaison leben wir gerade in einer Oase. Auf den staubigen sandigen Strassen in El Geneina waechst auf einmal Grass am Strassenrand sodass die vielen Esel, Rinder, Pferde und Ziegen im Verkehr eine Rast einlegen und sich den ein oder anderen Grashalm goennen. Gleichzeitig verwandeln sich die Strassen aber auch in einen Sumpf. Wo es kein ordentliches Abwassersystem gibt entstehen jede Menge Pfuetzen bzw. muesste ich fast von Teichen reden. Vor allem wenn man waehrend dem Regen unterwegs ist muessen Umwege in Kauf genommen werden weil der direkte Weg versunken ist oder ein Wadi die Strasse kreuzt. Innerhalb von Minuten kann sich ein Wadi in einen reissenden Fluss verwandeln. Die kleinen Wadis muenden schliesslich alle im grossen Wadi der sich durch El Geneina zieht. Wer die Stadt Richtung Norden verlaesst muss einen Wadi durchqueren der waehrend und wenige Stunden nach dem Regen Wasser fuehrt. Aber auch noch Tage spaeter bleiben Autos sowie LKW darin stecken und koennen nur mit grosser Muehe befreit werden.

Ein guter Nebeneffekt des Regens ist, dass der Muell von den Strassen und Flussbetten weggespuelt wird. Allerdings wird er nur weggespuelt, nicht beseitigt, und landet dann schliesslich irgendwo in einem See oder im Ozean. Hier beschwert sich keiner ueber den Regen. Ganz im Gegenteil. Um so mehr Regen desto mehr laecheln die Leute und desto mehr reden sie ueber das Wetter. Verkehrte Welt! Ich glaube die Bewohner von London sehen das anders.

Ein weiterer guter Nebeneffekt der mit der Regensaison einhergeht sind die kuehleren Temperaturen. Es ist sogar vorgekommen dass das Thermometer nachts auf unter 20 Grad Celsius gefallen ist, sodass man sich schon mal mit einem Laken zudeckt und die neue Qualitaet an Schlaf geniesst. In der Trockensaison kommt es oft vor dass man aufgrund der Hitze nachts schweissgebadet aufwacht.

Leider bringt der Regen sehr viele Fliegen und Moskitos mit sich, die aeusserst nervig sind und Malaria verbreiten. Die vielen Pfuetzen sind eine klassische Brutstaette fuer die Insekten.

Arbeitstechnisch nehmen Sicherheitsmassnahmen in unserem Gelaende einen Grossteil meiner Zeit ein. Nach einem Vorfall wie wir ihn gerade erlebt haben wird viel analysiert und viele Luecken entdeckt. Resultat: hoehere Mauern, mehr Stacheldraht, mehr und sicherere Tueren, Installation eines akustischen Alarmsystems. Weil waehrend den Baumassnahmen unser Gelaende nicht sicher genug ist, kommen wir gerade bei einer anderen Hilfsorganisation unter.

Der Innenhof des Buerogelaendes verwandelt sich schon mal innerhalb von Minuten in eine Riesenpfuetze.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Teamlife & Alltag

Die internationalen Mitarbeiter sind ein bunter Haufen die von den entlegensten Ecken dieses Planeten kommen. Aus Kanada, Australien, den USA, Uganda, England, Kenia und der Schweiz. Lediglich die Katze ist einheimisch und eine geniale Unterhaltung.

Der offizielle Alltag beginnt morgens spaetestens um 07:45 Uhr. Dann sitzen die durchschnittlich zehn internationalen Kollegen auf der Varanda und halten sich meistens an einer Tasse Kaffee oder einer Schuessel mit Conflakes fest. Einem Dienstplan entsprechend ist jemand von uns fuer einen geistlichen Input zustaendig. Dabei lassen wir uns von Passagen oder Personen aus der Bibel inspirieren, singen Lieder, beten und richten uns gemeinsam auf Gott und die anstehenden Aufgaben aus.

Um ca. 08:15 Uhr springen wir in die Fahreuge und fahren zum Buero-Gelaende, welches ca. einen Kilometer entfernt ist. Klar, den Kilometer kann man laufen, aber aus Sicherheitsgruenden muessen wir immer ausreichende Fahreuge in unmittelbarer Naehe haben. Offiziell ist um 17 Uhr Feierabend aber normalerweise schaffe ich es nicht vor 18 Uhr den Arbeitsplatz zu verlassen.


Ein eingeschraenkter Bewegungsradius, wenig Freizeitmoeglichkeiten und die interne Ausgangssperre ab 20 Uhr fuehren dazu dass man ueberwiegend seine Zeit nicht ausschliesslich aber ueberwiegend entweder im Buero oder auf dem Gelaende der Unterkunft verbringt. Spaetestens um 19:30 sind die internationalen Kollegen auf der Varanda versammelt weil die Glocke zum Abendessen geschellt hat. Und das Abendessen ist eine gemuetliche und sehr leckere Angelegenheit. Der Dienstplan sorgt dafuer das abwechselnd jemand fuer das Abendessen zustaendig ist. Und die meisten Kollegen koennen sehr gut kochen. Diejenigen, die sehr gut kochen koennen, werden oefter eingeteilt und die anderen weniger. Ich gehoere zu den anderen, weil es bei mir immer nur Spaghetti gibt. Aber dafuer geniesse ich um so mehr das Essen das die Kollegen zubereiten und bin auch gerne im Spueldienst eingeteilt, der einmal in der Woche faellig ist weil die Hausangestellten freitags nicht arbeiten.


Die dritte rotierende Dienstpflicht nenne ich mal „Aufseher“. Der Aufseher ist die zentrale Kontaktperson fuer den Tag. Saemtliche Bewegungen werden dieser Person vorwiegend per Funk gemeldet, also wenn ich das Gelaende verlasse und wenn ich am geplanten Ziel angekommen bin. Nach dem Abendessen werden aber alle Dienste vergessen. Man haengt noch mit anderen auf der Varanda rum oder verzieht sich in sein Zimmer um etwas zu lesen oder einen Film per DVD zu schauen. Dienstagabends ist Team-Night. Schon wieder abwechselnd ist jemand dafuer zustaendig. Meistens steht dann ein Spiel an, von klassischen Brettspielen bis hin zu kreativen Aktivitaeten. Ein Abend endete in einer dramatischen Wasserschlacht.

Donnerstagabends beginnt unser Wochenende. Und donnerstags ist immer Filmabend. Auf der Varanda wird dann die Leinwand runtergerollt und der Beamer platziert.Nach einem ausgekluegelten demokratischen Wahlsystem werden drei Filme nominiert und gewaehlt. Wie so oft bei Wahlen in Afrika geht das nicht ganz friedlich zu. Es werden Allianzen gebildet, Luecken gesucht und nachher Beschuldigungen ausgesprochen. Nach der Wahl sind die einen dann enthusiastisch und die anderen enttaeuscht, aber die Entscheidung ist durch die Wahl legitimisiert worden und so kommt es dazu dass Streifen wie „Shakespeare in Love“ oder „Ben Hur“ ueber die Leinwand laufen.


Freitags findet fast regelmaessig bei irgendeiner der Hilfsorganisationen eine Party statt. Ueberwiegend sind es Verabschiedungsfeten. Es gibt einen hohen Personaldurchlauf. Die meisten halten sich nach meiner Einschaetzung durchschnittlich ein Jahr lang auf. Aber es gibt auch einzelne „einfach-so-partys“ oder die der Amis die auch hier ihren ihren 4. Juli nicht vergessen und diesen als Anlass fuer ein Miteinander nehmen. Innerhalb der Hilfsorganisations-Community kennt man sich. Die wenigen weissen Gesichter fallen auf. In verschiedenen Meetings laeuft man sich ueber den Weg.

Samstags erscheinen die nationalen Kollegen nicht zur Arbeit aber die internationalen Kollegen koennen es nicht lassen ins Buero zu gehen und Liegengebliebenes zu erledigen. Und am Sonntag geht es dann wieder mit Vollgas in die Woche, gespannt darauf, welchen neuen Herausforderungen man sich stellen muss. Der Anteil der Routineaufgaben ist aeusserst gering.

Sonntagabends haben wir einen internen Gottesdienst auf der Varanda. Etwas anders, open air. Keine Kirche, keine Orgel und keine Kanzel. Aber eine MP3-Predigt der wir gemeinsam lauschen.


Es ist ein super team, kunterbunt, kompetente Leute mit denen man gerne die Zeit verbringt und die vielen Aufgaben erledigt und dadurch auch leicht die vielen Beschraenkungen vergisst und locker wegsteckt. Bei der Illustrierung der positiven Seiten will ich aber nicht unerwaehnt lassen dass das permanente Miteinander aber auch streckenweise anstrengend sein kann wenn man sich nicht aus dem Weg gehen kann.