Montag, 22. Februar 2010

Bescheinigungen

In frueheren Eintraegen habe ich bereits davon erzaehlt, dass mein Aufgabenbereich sehr vielfaeltig ist. Wir, der Bereich Logistik, kuemmern uns um Unterkuenfte, Fahrzeuge, Stromaggregate, Transport, Sicherheit und IT. Letzteres umfasst die Administration von 20 PCs, 10 laptops, jede Menge Drucker und die Ausruestung einer Satelliten Internetverbindung. Inklusive der vielen kleinen Hilfestellungen fuer die Anwender und der ueblichen Instandhaltung beansprucht dieser Bereich schnell mal einen halben Tag. Weil das Budget es zugelassen hat, habe ich entschieden, einen IT Logistiker anzustellen der sich den Aufgaben in diesem Bereich annimmt und mir mehr Zeit fuer andere Aufgaben laesst.


Also musste ich mich mit dem Anstellungsprozess vertraut machen. Die Stelle und Stellenbeschreibung musste vom Ministerium fuer humanitaere Hilfe genehmigt werden. Anschliessend wurde per Aushang an unserem Tor die Stelle veroeffentlicht. Es kamen jede Menge Bewerbungen ins Haus mit unuebersichtlichen und schwer verstaendlichen Lebenslaeufen. Die Zeugnisse und Bescheinigungen haben nicht wirklich mehr Licht ins Dunkel gebracht da sie oft sehr unpraezise bezueglich Inhalt, Dauer und Leistung sind. Ich sollte hinzufuegen, dass die Sudanesen Bescheinigungen fuer alles moegliche sammeln und der Bewerbungsmappe anfuegen. Medair hat sogar im Budget ein separates Konto fuer Kosten fuer Bescheinigungen, die wir Teilnehmern von Hygiene- oder Gesundheitsschulungen aushaendigen.


Viele Bewerbungsmappen enthielten sogar die Geburtsurkunde des Bewerbers, was nun wirklich unnoetig ist, da ich den Bewerbern auch ohne Dokument geglaubt haette, dass sie an einem bestimmten Zeitpunkt geboren wurden. Als ich im Kreis der internationalen Kollegen schmunzelnd davon erzaehlt habe, hat mich meine ugandische Kolleging allerdings aufgeklaert ueber die Bedeutung der Geburtsurkunde. Waehrend auf den europaeischen Breitengraden die Ausstellung einer Geburtsurkunde ein automatischer Prozess mit genauen Daten wenige Stunden nach der Geburt ist, verlaeuft es hier anders. Die Geburtsurkunde erhaelt hier keiner automatisch sondern irgendwann mal, falls sie benoetigt wird. Da aber „irgendwann mal“ keiner weiss, wann der Betroffene geboren wurde, wird durch „Vemessung/Untersuchung der Zaehne“ das Alter im nachhinein festgestellt. Mit dem Wissen um all den Aufwand der hinter dieser Urkunde steht, kann ich mittlerweile nachvollziehen das dieses Dokument bei jedem Anlass mit Stolz gezeigt wird.


Trotz der vielen Bescheinigungen konnte ich relevante Bewerber herausfiltern. Dieser Prozess findet in Zusammenarbeit mit dem Ministerium fuer humanitaere Hilfe statt, welches darueber im Bilde sein moechte, wer sich bei uns bewirbt. Im naechsten Schritt wurde ein Englisch- und Computertest durchgefuehrt und schliesslich die Gespraeche. Beim Bewerbungsgespraech muss nicht nur ein Vertreter des Ministerium fuer humanitaere Hilfe sondern auch des lokalen Arbeitsamtes dabei sein. Das hoert sich alles schlimmer an als es schliesslich war. Wir waren uns sogar einig wer von den Bewerbern der geeigneteste ist.


Ein paar Fotos aus dem Arbeitsalltag:

Zwei unserer Koechinnen haben vor kurzem Nachwuchs bekommen. Die Maedels gehoeren zum Kuechenteam dazu und scheinen viel umkomplizierter zu sein als westliche Babys.

Die Kollegen aus dem Pharmazielager nehmen Zahlen und Listen sehr ernst ....

... damit jede Klinik am Ende die richtige Box mit der richtigen Medizin erhaehlt.





Freitag, 15. Januar 2010

Solidaritaet

Regelmaessig sind hier an Abenden Schuesse zu hoeren. An Wochenenden handelt es sich dabei meistens um „feierliche Schuesse“, die bei Hochzeiten abgefeuert werden. Da kommt/kam es schon mal vor, dass man eine Kugel im Gelaende findet. Aufgrund dieser bleihaltigen Luft, haben wir einen sogenannten „Safe-Room“. Dieser ist gar nicht so sicher, wie er sich anhoert, allerdings hat er ein verstaerktes Dach, wodurch moegliche vom himmel fallende kleine Geschosse abgefangen werden koennen. Wenn es uns also zu bleihaltig wird, suchen wir diesen Raum auf. Da ich selbst noch keine Kugeln gefunden und auch nichts von Querschlaegern gehoert habe, konnte ich die Sinnhaftigkeit und das gelegentliche besorgte Aufsuchen dieses Raums nicht ganz nachvollziehen.

Mittlerweile denke ich anders darueber. Eine normale Alltagszene hier in El Geneina. Ein Vater haelt sich am Abend im Haus auf, waehrend seine Kinder auf der Veranda spielen und fernsehen. Ploetzlich kommt das Kind weinend ins Haus gelaufen, waehrend es sich die Hand an die blutige Stirn haelt. Es sieht nicht sehr schlimm aus, und es wird vermutet, dass vielleicht ein Stein geworfen wurde und die Wunde verursacht hat. Als sie am naechsten Tag den Doktor aufsuchen und die Roentgenbilder betrachten, sind sie entsetzt. Es laesst sich ganz klar erkennen, dass sich eine Gewehrkugel im Kopf des Sohnes befindet. Eine aeusserst heikle Angelegenheit. Ein solch spezifischer Fall kann hier in El Geneina nicht behandelt werden. Also wurde moeglichst schnell ein Flug-Ticket gebucht und ein Spezialist in Khartoum aufgesucht. Da es keine Krankenversicherung gibt, kann ein solcher Fall schnell den finanziellen Ruin fuer eine Familie bedeuten. Schon bald war klar, dass dieser Eingriff das zehnfache seines Monatsgehalt kosten wuerde.

Auf dem Roentgenbild laesst ganz klar eine Gewehrkugel erkennen.

Und an dieser Stelle beeindruckt mich, wie stark die Solidaritaet untereinander ist. Die Arbeitskollegen hier haben Besprechungen einberufen, um zu diskutieren, wie sie dem Kollegen helfen koennen. Letztendlich haben sie Geld zusammengelegt, grosszuegig zusammengelegt (einzelne haben bis zu einem Drittel ihres Gehalts beigetragen) und somit die Operation ermoeglicht. Waehrend der OP ist letztendlich entschieden worden, die Kugel nicht zu entfernen sondern abzuwarten.

In einer Gesellschaft, in der die Sozialsysteme weniger gut entwickelt sind, gibt es andere Wege, um Betroffenen bei individuellen Schicksalsschlaegen zu helfen. Es ist erstaunlich, wie stark der Zusammenhalt unter den Kollegen ist. Fast regelmaessig wird im Buero Geld gesammelt, um Kollegen zu helfen.

Eine meiner Lieblingszenen die sich vermutlich taeglich und ueberall auf dem Kontinent Afrika abspielt. Kinder die mit einem ausgedienten Reifen spielen und ihn vor sich herrollend die Strasse hoch und runterrennen. Es geht auch ohne X-Box und Nintendo.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Familie versus Indiviualitaet

Das auf diesen Breitengraden die Familie weit ueber dem Individuum steht, stellt man immer wieder fest. Bei der Begruessung erkundigt man sich nicht nur nach dem Wohlergehen des Gegenuebers, sondern fragt auch nach dessen Familie. An Feiertagen und langen Wochenenden werden nicht individuelle Trips unternommen, sondern es werden Familienmitglieder besucht, die etwas weiter entfernt wohnen. Single-Haushalten bin ich hier noch nicht begegnet. Das ist hier noch nicht eingefuehrt worden. Und falls das mal jemand einfuehren wollte, wuerde er wahrscheinlich als verrueckt erklaert werden. Es ist eher die Regel, das Eltern, Kinder, Grosseltern und noch paar Onkel ein Haushalt teilen. Sudanesen haben vier Namen, in dem auch der Name des Vaters enthalten ist. Somit kann der Namenstraeger besser eingeordnet werden. Familie und Herkunft sind wichtig!


Um eine neue Familie gruenden zu koennen, muss erst mal der Partner gefunden werden. Ein Top Thema auch im Buero, ueber das immer wieder gescherzt und gefluestert wird. Aber offensichtlich muss man hier erst mal ueber ausreichend liquide Mittel verfuegen, um das Ganze in die Wege leiten zu koennen. Nicht nur der Brautpreis muss finanziert werden, sondern auch die dazugehoerende ueppige Feier, bei der kein Familienmitglied vergessen werden darf. Deswegen sind die ledigen Kollegen schwer am sparen. Eines Tages fragte mich ein Kollege ganz verwirrt, warum wir internationalen Medair Mitarbeiter nicht alle verheiratet sind, wo wir doch gute Positionen besetzen und ueber ausreichende Geldmittel verfuegen. Ich verriet ihm dann, dass Geld vermutlich (/vermeintlich?) nicht so eine grosse Voraussetzung fuer eine Heirat ist, wie bei Ihnen.


Er verriet mir dann, dass er mit seiner Cousine verlobt ist. Ich sagte ihm, dass so etwas bei „uns“ nicht ueblich ist. Er fragte warum? Ich wiess ihn auf die biologischen Risiken hin. Daraufhin sagte er mir, dass er keine andere Wahl hat, es sei denn er wuerde rebellieren. Wuerde er sich naemlich dazu entscheiden, ausserhalb der Familie zu heiraten, wuerde er eine viel geringere finanzielle Unterstuetzung erhalten. Und so kommt es dazu, dass Familien – zwar nicht immer freiwillig – eng miteinander verbunden sind und unter ihresgleichen bleiben. Nicht immer, aber meistens.


Eine Sache bei „uns“ hatte ihn aber arg verwundert. Unter den 10 internationalen Mitarbeitern gibt es ein Ehepaar, welches den gleichen Nachnamen traegt. Dies gab ihm den Anschein, dass die beiden Geschwister sind und miteinander geheiratet haben. Daraufhin erklaerte ich ihm die Systematik unserer Nachnamen, und das war gut so! Familien(zwang), Verwandschaft, Geld, Nachnamen. In dem kurzen amuesanten Gespraech konnten wir viel voneinander lernen.



25.12.2009 Trotz der Andersartigkeit hatten wir einmalige Weihnachten!


Die sicherheitsbedingten Baumassnahmen im Haus sind beendet. Aus diesem Anlass wurde ein Schaf geschlachtet.

Unser Waechter haben diese Aufgabe mit Leidenschaft uebernommen.


Ein paar Mitarbeiter und einige Handwerker wurden eingeladen und ...

... haben beim verputzen des Schafs kraeftig zugelangt!

Samstag, 10. Oktober 2009

Afrikanische Schule

Ich habe festgestellt, dass meine Schreibfreude nachgelassen hat. Das ist ganz klar ein Zeichen dafuer, dass nach einem halben Jahr in Darfur fuer mich der Alltag eingkehrt ist. All die Dinge, die vor kurzen noch so neu, exotisch und eine Erzaehlung wert waren sind normal. Das taegliche Chaos, die vielen Herausforderungen, das bunte Stadtbild, die staendige Praesenz von Waffen, das Leben hinter hohen Mauer – das ist mittlerweile auch fuer mich normal. Zugegeben bin ich manchmal sehr gefrustet, wenn Lieferanten unzuverlaessig sind, ordentlich Loesungen nicht verfuegbar sind und wieder ein Tag dem Ende zugeht, an dem man nur einen Bruchteil von dem erreicht hat, was man sich am friedlichen morgen optimistisch vorgestellt hat. Aber dann bin auch wieder total begeistert, wenn man sieht, dass es doch voran geht, hier und da Verbesserungen erreicht werden und sich trotz der vielen Arbeit mit den Kollegen eine Teepause und eine Runde small talk goennt.

Das Abendessen in grosser Runde mit den internationalen Kollegen ist nach jedem Arbeitstag etwas besonders entspannendes. Es werden Ereignisse vom Tag noch mal aufgetischt, oder Diskussionen ueber alles mogliche und unmoegliche gefuehrt. Von serioes bis banal. Und da die Kollegen von vier verschiedenen Kontinenten kommen, sind natuerlich weit gefaecherte Erfahrungen und Meinungen vorhanden, die die Diskussionen lebendig werden lassen. Ich weiss nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind, aber auf einmal unterhielten wie uns ueber das Alter, in dem Kinder in Afrika die Schule gehen, oder besser gesagt, in laendlichen Teilen Afrikas. Weil wir zwei Afrikaner in unserem internationalen Team haben, konnten persoenliche Geschichten eingebracht werden. Waehrend es bei uns eine recht einheitliche Handhabung gibt, ueblicherweise mit 6 Jahren, ist es in Afrika sehr stark von der koerperlichen Entwicklung und dem geographischen Erinnerungsvermoegen des Kindes abhaengig. Meistens muss der Schueler einweg ca. 8 KM laufen, um sein Klassenzimmer zu erreichen und verstaendlicherweise ist nicht jeder Sechsjaehrige dazu in der Lage. Ich finde das ganz schoen tapfer, aber gleichzeitig auch sehr amuesant. Jedenfalls war das einer von vielen unterhaltsamen Abenden.



Ein Junge in El Geneina auf dem Weg zur Schule. Vielleicht wird das der naechste Obama!?


Meine Kollegin und ich haben eine Excel-Schulung fuer die Kollegen durchgefuehrt


Abschiedparty fuer einen der internationalen Kollegen auf unserer charmanten Veranda


Home, sweet home. Manche bezeichnen es als eine Festung, ich nenne es lieber "unser Schloss".

Kurioses

Morgenstimmung in El Geneina (West-Darfur). Die Regensaison ist vorbei und der Strassenalltag somit sehr staubig

Alter

Es ist nicht die erste Frage die man beim kennenlernen neuer Leute stellt, irgendwann kommt sie aber doch auf, die Frage nach dem Alter. Als ich in meiner ersten Woche in Khartum mit einem der Fahrer unterwegs war, und mich mit ihm ueber Dies und Das unterhielt, packte ich schliesslich irgendwann mal diese Standardfrage aus. Er sagte, er sei 31. Da ich auch 31 bin, wollte ich wissen, in welchem Monat er geboren ist, was er mir allerdings nicht sagen konnte, da er es nicht wisse. Er wisse lediglich das Jahr, und das es ein Freitag war, weil das schliesslich auch sein Vorname ist (Juma). Spaeter, beim Blick in eine interne Mitarbeiterliste ist mir aufgefallen, dass viele Kollegen am 1. Januar des jeweiligen Jahres geboren sind. Was fuer ein “Zufall”!

Da fuehlte ich mich doch gleich an den afrikanischen Fussballers Anthony Yeboah erinnert, bei dessen Transfer von einem Bundesliga-Verein zu einem anderen grosse Uneinigkeit ueber eine passende Abloesesumme entstand, da keiner wusste wie alt er wirklich ist.


Scharia

Der Nord-Sudan ist ein islamisches Land in dem die Scharia – Gesetze aus dem Koran – die Grundlage der Gesetzgebung ist. Die klassischen oberflaechlichen Einzelheiten die man als Westler darueber weiss, ist z.B., dass es kein Alkohol gibt und dass der Konsum strafbar ist. Um so ueberraschter war ich, als ich eines Nachmittags beim verlassen des Bueros feststellen musste, das einer der Waechter eine auesserst aufdringliche Alkohol-Fahne hatte und offensichtlich betrunken war. Dies erforderte eine Reaktion meinerseits. Nach Ruecksprache mit der Personalabteilung wurden mir die auesserst komplizierten Prozesse, die ein solcher Fall mit sich bringt, kurz erklaert. Letztendlich mussten wir mit ihm erst zur Polizei, dann ins Krankenhaus und schliesslich wieder zur Polizei, wo er die Nacht verbringen musste. Somit war diese traurige Angelegenheit fuer uns erledigt. Meine Kollegen machten mich darauf aufmerksam dass fuer ihn die Prozeduren allerdings noch nicht vorbei waren. Entsprechend der Sharia erhielt er am naechsten Tag 30 Peitschenhiebe fuer sein Vergehen.


Haeusliche Pflichten

Dass andere Laender andere Sitten und ein anderes Rollenverstaendnis mit sich bringen ist altbekannt, aber die folgende Geschichte hat mich noch mal deutlich daran erinnert weit entfernt vom westlichen Kulturkreis zu sein. Eines Tages erschien ein Kollege im Buero der Personalabteilung mit der Bitte, seine Frau, die in einer der Kliniken ebenfalls fuer Medair arbeitet, zu feuern, weil sie ihren haushaltlichen Pflichten nicht nachkommt. Die Personalkollegin hat diese Anfrage verstaendlicherweise belaechelt und ihm hoefliche erlaert, dass dies sein privates Problem und kein Grund fuer eine Entlassung sei. Allerdings bestand er auf eine Reaktion seitens Medair, sodass ihm schliesslich ein Beamter des lokalen Arbeitsamts erklaeren musste, dass es seine Privatangelegenheit sei. Aber offensichtlch fand er seine Forderung als das Selbstverstaendlichste auf diesem Planeten.


Mittwoch, 2. September 2009

Das ist Afrika!

Wie in einem vorherigen Eintrag beschrieben, fuehle ich mich weniger als ein Manager sondern mehr als ein “Reagierer”. Der naechtliche bewaffnete Ueberfall Ende Juli erforderte eine Reaktion. Eine kritische Betrachtung unseres Gelaendes und der Gebaeude zeigte einige Schwachstellen auf. Also wurde viel Zeit und Geld in die erhoehte Sicherheit investiert. Eine grosse Aufgabe war es unter anderem, einen Teil der umgebenden Mauer abzutragen und anschliessend zu erhoehen. Bei einem Umfang von 140 Metern, 40 cm Dicke und 3 Meter Hoehe ist das keine Aufgabe von drei Stunden sondern von drei Wochen. Zwischenzeitlich waren knapp 30 Leute im Einsatz. Ich habe voruebergehend die Rolle eines Bauleiters eingenommen. Die Sicherheitsmassnahmen werden auch noch in den naechsten Monaten einen nicht unbedeutenden Teil meiner Zeit hier einnehmen. Ein Waechterturm, ein Audio Alarmstystem und eine Kamera-Ueberwachung muessen noch entworfen und installiert warden. Zur gleichen Zeit werden andere Aufgaben nach hinten geschoben, in der Hoffnung, dass nichts Wichtiges unerledigt bleibt.

Aufgrund der Baumassnahmen mussten wir unsere Unterkunft verlassen und sind im vergangenen Monat bei anderen NGO’s untergekommen. Erst Concern, dann Tearfund und schliesslich WFP. Dabei kamen diesmal wir uns vor wie Binnenfluechtlinge. Seit Ende letzter Woche sind wir wieder in unserem “Sweet Home” zu Hause. Allerdings nimmt unser “Sweet Home” mittlerweile mehr die Form einer Festung an.

Mein Einblick in das Land und den Kontinent ist lediglich nur ein sehr geringer. Deshalb lese ich regelmaessig Buecher um den Zusammenhang besser zur verstehen. An dieser Stelle moechte ich zwei Aussagen/Geschichten zitieren, die ich auesserst interessant finde.

“ES GIBT ZWEI GESCHICHTEN uber das Wesen des Kontinents. Afrikaner erzahlen sie sich gelegentlich gegenseitig. Manchmal werden sie etwas variiert und spielen an verschiedenen Orten. Die eine Geschichte geht so.

Es steht ein Skorpion am Ufer des Nils und wurde gerne auf die andere Seite des Flusses gelangen. Er uberlegt und uberlegt, was er tun kann, und kommt nicht recht voran. Er kann nicht schwimmen, und das Wasser ist tief.Was soll er bloss machen? Da erscheint zum Glueck ein Krokodil. Komm her, Krokodil!, ruft der kleine Skorpion, und bring mich auf die andere Seite des Flusses, ich habe da etwas zu erledigen. Doch daruber kann das Krokodil nur lachen: Dich uber den Nil bringen? Ich bin doch nicht lebensmuede, frag das nachste Nilpferd, das vorbeikommt.

Ach, zier dich nicht. Hier kommt so schnell kein Nilpferd vorbei, und ich hab’ es eilig. Und auserdem:Was soll denn schon passieren? Was passieren soll? Du stichst mich, und wir saufen beide ab. Ich kenne Typen wie dich. Sei nicht albern. Warum sollte ich dich denn stechen? fragt da der Skorpion. Ich waere doch verruckt: Wenn du untergehen wurdest, ginge ich doch mit dir unter. Naja, denkt da das Krokodil, wo er recht hat, hat er recht, und kommt naeher. Na gut, spring auf, ich bring dich ruber. Und schon schwimmen die beiden los. Das Krokodil und auf seinem schuppigen Ruecken der Skorpion. Die beiden haben es gerade bis zur Mitte des Flusses geschafft. Da sticht der Skorpion zu. Sein Gift breitet sich im Korper des Krokodils aus. Es zuckt und rochelt und hat weissen Schaum vor dem Mund.
Du Idiot, ruft jetzt das Krokodil in seinem Todeskampf, jetzt gehen wir hier beide vor die Hunde.Warum tust du das?
Tja, sagt da der Skorpion, das ist Afrika.”
Quelle: Thilo Thielke, Krieg im Lande des Mahdi – Darfur und der Zerfall des Sudan, S.129 Komplettes Buch als PDF

Der Satz ”das ist Afrika” faellt uebrigens auch regelmaessig im Film “Blood Diamonds”.

“Nirgendwo werden die Wunden so tief geschlagen wie in Afrika, nirgendwo verheilen sie so schnell. Die Afrikaner, sagt der Historiker Ali Mazrui, haben ein .”
Quelle: Bartholomaeus Grill, Ach Afrika – Berichte aus dem Inneren eines Kontinents, S.405

Mittwoch, 5. August 2009

Regensaison

Am liebsten wuerde ich es gar nicht viel darueber berichten, aber der Vollstaendigkeit halber will ich ein paar Zeilen darueber loswerden. In der Nacht auf den 19. Juli hatten wir zwei ungelade bewaffnete Gaeste die sich trotz Mauer, Stacheldraht und Guards Zugang zu unserem Gelaende verschafft haben. Ich hatte ungluecklicherweise die Tuer zu meinem Zimmer nicht verschlossen und durfte unter vorgehaltenem Maschinengewehr ein paar Wertsachen abdruecken. Dass der Kollege im Zimmer gegenueber seine Tuere verschlossen hatte fanden die Jungs nicht gut. Nachdem sie es mit druecken und treten nicht geschafft haben die Tuere zu oeffnen, feuerten sie drei Schuesse auf die Tuer. Auch das hat nicht geholfen und die beiden haben sich schliesslich verdrueckt. Leider hat der Kollege von dem Blechsplittern der Tuer und dem freigesetzten Zement einige Wunden davongetragen, die aber nicht schwerwiegend waren.

Eine dramatische Nacht mit einem – Gott sei Dank – glimpflichen Ausgang. Am naechsten Tag haben wir das Buero nicht geoffnet und ca. 200 Gaeste - vor allem Mitarbeiter aber auch Nachbarn, Behoerden und andere NGO’s - empfangen die ihr Mitleid ausgesprochen haben. Einen Tage spaeter sassen alle (8) Expatriots - einer Standarprozedur entsprechend - im Flieger nach Khartum. In vielen Gespraechen, Gebeten und Besprechungen wurde der Vorfall verarbeitet und Risiken sowie Massnahmen diskutiert. Erholung hatte in den Tagen auch einen bedeutenden Anteil. Nach und nach sind wir alle wieder nach West-Darfur geflogen worden wo wir wieder unserem Arbeitsalltag nachgehen.

Die beiden Links fuehren zu einem Zeitungsbericht und einer Presseerklaerung von Medair anlaesslich des Vorfalls:

Schweizer Zeitungsbericht

Medair Presseerklaerung


Wadis fuellen sich mit Wasser und entlang der Ufer spriesst das Gruen. El Geneina in der Regensaison.


In einem Blogeintrag vor zwei Monaten habe ich beschrieben wie leblos und oede die Landschaft aus dem Flugzeug betrachtet auf mich gewirkt hat. Jetzt wo wir uns seit einem Monat in der Regensaison befinden, sieht alles ganz anders aus. Jemand der jetzt zum ersten Mal hierher kaeme wuerde es zwar immer noch als Wueste bezeichnen, aber im Gegensatz zur Trockensaison leben wir gerade in einer Oase. Auf den staubigen sandigen Strassen in El Geneina waechst auf einmal Grass am Strassenrand sodass die vielen Esel, Rinder, Pferde und Ziegen im Verkehr eine Rast einlegen und sich den ein oder anderen Grashalm goennen. Gleichzeitig verwandeln sich die Strassen aber auch in einen Sumpf. Wo es kein ordentliches Abwassersystem gibt entstehen jede Menge Pfuetzen bzw. muesste ich fast von Teichen reden. Vor allem wenn man waehrend dem Regen unterwegs ist muessen Umwege in Kauf genommen werden weil der direkte Weg versunken ist oder ein Wadi die Strasse kreuzt. Innerhalb von Minuten kann sich ein Wadi in einen reissenden Fluss verwandeln. Die kleinen Wadis muenden schliesslich alle im grossen Wadi der sich durch El Geneina zieht. Wer die Stadt Richtung Norden verlaesst muss einen Wadi durchqueren der waehrend und wenige Stunden nach dem Regen Wasser fuehrt. Aber auch noch Tage spaeter bleiben Autos sowie LKW darin stecken und koennen nur mit grosser Muehe befreit werden.

Ein guter Nebeneffekt des Regens ist, dass der Muell von den Strassen und Flussbetten weggespuelt wird. Allerdings wird er nur weggespuelt, nicht beseitigt, und landet dann schliesslich irgendwo in einem See oder im Ozean. Hier beschwert sich keiner ueber den Regen. Ganz im Gegenteil. Um so mehr Regen desto mehr laecheln die Leute und desto mehr reden sie ueber das Wetter. Verkehrte Welt! Ich glaube die Bewohner von London sehen das anders.

Ein weiterer guter Nebeneffekt der mit der Regensaison einhergeht sind die kuehleren Temperaturen. Es ist sogar vorgekommen dass das Thermometer nachts auf unter 20 Grad Celsius gefallen ist, sodass man sich schon mal mit einem Laken zudeckt und die neue Qualitaet an Schlaf geniesst. In der Trockensaison kommt es oft vor dass man aufgrund der Hitze nachts schweissgebadet aufwacht.

Leider bringt der Regen sehr viele Fliegen und Moskitos mit sich, die aeusserst nervig sind und Malaria verbreiten. Die vielen Pfuetzen sind eine klassische Brutstaette fuer die Insekten.

Arbeitstechnisch nehmen Sicherheitsmassnahmen in unserem Gelaende einen Grossteil meiner Zeit ein. Nach einem Vorfall wie wir ihn gerade erlebt haben wird viel analysiert und viele Luecken entdeckt. Resultat: hoehere Mauern, mehr Stacheldraht, mehr und sicherere Tueren, Installation eines akustischen Alarmsystems. Weil waehrend den Baumassnahmen unser Gelaende nicht sicher genug ist, kommen wir gerade bei einer anderen Hilfsorganisation unter.

Der Innenhof des Buerogelaendes verwandelt sich schon mal innerhalb von Minuten in eine Riesenpfuetze.